Fazit: Der Wunsch nach professioneller Pflege und die zu erwartenden Realitäten
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Fall einer Pflegebedürftigkeit im Alter und einer Versorgung zu Hause in erster Linie professionelle Unterstützung wünscht. Demgegenüber spielt die Pflege durch eigene Kinder oder andere Angehörige in den Präferenzen der Befragten nur eine untergeordnete Rolle. Die Vorstellung, dass die Familie die ausschließiche Pflege hauptsächlich übernimmt, findet somit nur begrenzt Rückhalt in der Bevölkerung. Auffällig sind zudem die Geschlechterunterschiede. Frauen wünschen sich häufiger als Männer professionelle Unterstützung und machen sich zugleich größere Sorgen über Pflegebedürftigkeit im Alter. Angesichts ihrer höheren Lebenserwartung und der Tatsache, dass Frauen im hohen Alter häufiger ohne Partner leben, werden sie besonders häufig auf professionelle ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sein. Die Ergebnisse verdeutlichen die Bedeutung einer Geschlechterperspektive für die Weiterentwicklung der Pflegeversorgung.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, ob das bestehende Pflegesystem langfristig den Präferenzen der Bevölkerung gerecht werden kann. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich im Pflegefall in erster Linie professionelle Unterstützung, während die (ausschließliche) Pflege durch Angehörige nur für eine Minderheit die bevorzugte Lösung darstellt. Gleichzeitig beruhen die Leistungen der Pflegeversicherung weiterhin wesentlich auf der Annahme, dass Angehörige einen erheblichen Teil der häuslichen Pflege übernehmen. Diese Annahme dürfte künftig jedoch zunehmend unter Druck geraten.
Die heute ins Rentenalter eintretenden Kohorten sind häufiger kinderlos, Partnerschaften werden auch im höheren Alter häufiger durch Trennung oder Scheidung beendet, und Familien leben oft räumlich weiter voneinander entfernt. Zugleich werden in den kommenden Jahrzehnten sowohl die Zahl der Pflegebedürftigen als auch der Bedarf an professionellen Pflegekräften weiter steigen, während der Personalmangel im Pflegesektor bereits heute erheblich ist. Die Ergebnisse weisen damit auf eine wachsende Diskrepanz zwischen den Präferenzen der Bevölkerung und den strukturellen Voraussetzungen der Pflegeversorgung hin.
Die Analysen basieren auf einer repräsentativen Unterstichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Im Rahmen der SOEP-IS wurden im Jahr 2022 spezifische Fragen zum Thema Altern und Pflege vom ECPD implementiert, die hier ausgewertet worden sind. Für weitere Details zu den Daten, siehe: DIW Berlin: SOEP-IS 2022 (Daten 1998-2022).
[1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Tabellen/pflegebeduerftige-pflegestufe.html
Über die Autoren
Ulrike Ehrlich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: ulrike.ehrlich@dza.de
Paul Gellert ist Professor für Alternsforschung und stellvertretender Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité sowie Direktor am Einstein Center Population Diversity (ECPD).
Nadiya Kelle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Forschung am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: nadiya.kelle@dza.de
Michaela Kreyenfeld ist Professorin für Soziologie an der Hertie School und Direktorin am Einstein Center Population Diversity (ECPD). Kontakt: Kontakt: kreyenfeld@hertie-school.org
Laura Romeu Gordo ist kommissarische Leiterin des Bereichs Forschung und stellvertretende Institutsleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: laura.romeu-gordo@dza.de
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Publisher: Einstein Center Population Diversity
Editor: Prof. Dr. Paul Gellert
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