Policy Insights 2 | 2026

Die Trennung der Eltern und der Bildungsweg der Kinder

Alessandro Ferrara & Heike Solga

Eines scheint festzustehen: Die Trennung der Eltern erschwert es den Kindern, gute Bildungs-ergebnisse zu erzielen. Doch bei genauerem Hinsehen wird das Bild sehr vielschichtig. Jeder Fall ist anders, denn es zählen der soziale Hintergrund, das Bildungsniveau der Eltern, das Netzwerk der Familie. Und noch komplizierter wird es, wenn Migrationsgeschichten ins Spiel kommen.

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage eines Beitrags zur Reihe “WZB MItteilung” des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Das Original finden Sie im Heft 188 / Juni 2025 („Migration“) unter: WZB Mitteilung Nr. 188: Migration.

Wenn Eltern sich trennen, wirkt sich das negativ auf den Bildungserfolg der Kinder aus. Dies belegen verschiedene Studien – die allerdings auch zeigen, dass dieser Zusammenhang nicht für alle Kinder gleichermaßen gilt. So legen einige Studien nahe, dass Kinder aus sozial privilegierten Familien die geringsten Bildungsnachteil durch eine Trennung erfahren, da diese Familien über mehr ökonomische und kulturelle Ressourcen verfügen, um negativen Auswirkungen abzumildern. Andere Studien deuten hingegen darauf hin, dass Kinder aus privilegierten Familien möglicherweise sogar mehr Nachteile haben, da sie von einem höheren Niveau aus starten, also gewissermaßen mehr zu verlieren haben. Wie kommt es zu diesem vermeintlichen Widerspruch? Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Studien unterschiedliche Bildungsergebnisse betrachten – die einen schauen auf Noten, andere auf Schulabschlüsse oder berufliche Abschlüsse/Studium. Die Ergebnisse sind also nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar.

Erstaunlich wenige Studien gibt es bisher zu den Auswirkungen der elterlichen Trennung auf die Bildung von Kindern mit Migrationshintergrund. Für Kinder aus zugewanderten Familien könnte eine Trennung weniger nachteilig für den Bildungserfolg sein als für Kinder einheimischer Familien, da sie oft generell sozioökonomisch schlechter gestellt sind – auch hier könnte das Argument gelten, dass sie weniger zu verlieren haben. Andererseits könnten die Folgen des Lebens in einem Ein-Eltern-Haushalt häufiger durch die erweiterte Familie und stärkere Unterstützungsnetzwerke abgefedert werden. Die wenigen vorhandenen Forschungsergebnisse sind jedoch uneinheitlich und scheinen davon abzuhängen, um welche Migrationsgruppe es sich handelt. So hat Matthijs Kalmijn für Jugendliche karibischer und afrikanischer Herkunft in England, Deutschland, den Niederlanden und Schweden herausgefunden, dass ihr Wohlbefinden weniger stark durch eine Trennung beeinträchtigt wird als bei einheimischen Jugendlichen. Andere Migrantengruppen sind dagegen ähnlich stark betroffen.

Bisherige Studien haben sich jedoch nur selten mit Elternpaaren beschäftigt, die aus einem einheimischen Elternteil und einem Elternteil mit Migrationshintergrund bestehen. Diese Konstellation, also interethnische Elternpaare, haben wir in unserer Studie im Rahmen des Einstein Center Population Diversity (ECPD) genauer analysiert. Für 13 Länder haben wir untersucht, wie sich die Trennung der Eltern langfristig auf den höchsten erreichten Bildungsabschluss auswirkt. Wir haben zwischen vier Gruppen unterschieden: Kinder von nicht eingewanderten (einheimischen) Eltern, Kinder von zwei eingewanderten Eltern und Kinder aus Familien, in denen nur die Mutter oder nur der Vater eingewandert ist.

Denkbar sind folgend Unterschiede: Kinder aus interethnischen Familien könnten stärker von der Trennung der Eltern betroffen sein, da diese Familien häufiger einen höheren sozioökonomischen Status aufweisen und der Verlust könnte daher größer sein könnte. Diese Familien verfügen außerdem über schwächere soziale Unterstützungsnetze als Familien mit zwei migrantischen Elternteilen. Kinder aus interethnischen Familien könnten aber auch weniger betroffen sein, weil sie weniger stigmatisiert werden, da Scheidungen in diesen Familien häufiger vorkommen. Zudem besteht aufgrund unterschiedlicher Sorgerechtsmuster die Möglichkeit, dass Kinder aus interethnischen Familien nach der Trennung eher bei dem Elternteil ohne Migrationshintergrund leben – was den Verlust von Ressourcen des einen Elternteils im Vergleich zu Kindern mit zwei migrantischen Elternteilen geringer ausfallen lassen könnte.

Kinder aus interrethnischen Familien leben nach der Trennung eher bei dem Elternteil ohne Migrationshintergrund.

Welche dieser Annahmen trifft zu? Um dies herauszufinden, haben wir Daten des Generations and Gender Survey aus dem Jahr 2004 analysiert. Wir betrachten jene Länder, in denen in der Befragung Informationen über das Geburtsland der Eltern und den Zeitpunkt der elterlichen Trennung erhoben wurden: Dies sind Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Großbritannien, Kroatien, die Niederlande, Österreich, Norwegen, Schweden und Tschechien. Konkret untersuchen wir, welchen Einfluss eine Trennung der Eltern vor dem 18. Lebensjahr des Kindes auf den Erwerb eines Hochschulabschlusses hat. Daher berücksichtigen wir nur Befragte, die zum Zeitpunkt der Erhebung älter als 25 Jahre waren. Die „Kinder“ mit Migrationshintergrund gehören somit mindestens der 1,5 Zuwanderungsgeneration an. Die größten Einwanderungsgruppen der Eltern sind aus Osteuropa und West- und Kontinentaleuropa.

Im Durchschnitt aller Länder zeigt sich, dass Kinder aus interethnischen Familien am häufigsten eine Mutter und/oder einen Vater mit einem Hochschulabschluss haben. Dies spiegelt sich auch in den eigenen Bildungschancen wider: Sie erreichen etwas häufiger einen Hochschulabschluss als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund; die geringsten Chancen darauf haben Kinder mit zwei zugewanderten Elternteilen.

Allerdings ist auch die Trennungshäufigkeit bei interethnischen Elternpaaren höher (mit 17 % bei zugewanderter Mutter und 21 % bei zugewandertem Vater) als bei den beiden anderen Gruppen (15 % bzw. 13 %). In allen Gruppen leben die Kinder nach einer Trennung der Eltern überwiegend bei der Mutter.

Betrachtet man das Bildungsniveau der Eltern, so zeigen sich interessante Unterschiede im Nachteil durch die elterliche Trennung. Für Kinder mit zwei einheimischen Eltern ist ein Nachteil vor allem in Familien nachweisbar, in denen mindestens ein Elternteil den Abschluss der höheren Sekundarstufe hat (also eine Berufsausbildung oder ein Abitur), und mehr noch in Familien, in denen mindestens ein Hochschulabschluss vorliegt. Dies ist ein Indiz für den Verlust von vorteilhaften Ressourcen. Für Kinder mit zwei zugewanderten Eltern zeigt sich ein etwas anderes Muster: Hier betrifft der Nachteil vor allem Kinder mit Eltern niedriger Bildung (keine Berufsausbildung, kein Abitur oder kein Hochscholabschluss) sowie jene mit mindestens einem Elternteil mit Hochschulabschluss. Die Erklärung dafür sind unterschiedlich – bei ersteren weist es potentiell auf fehlende vorteilhafte Unterstützungsnetzwerke hin, bei Letzteren auf den Verlust vorteilhafter Ressourcen. Ein starkes Gefälle in Abhängigkeit vom elterlichen Bildungsniveau ist bei Kindern aus interethnischen Familien zu beobachten, insbesondere wenn der Vater zugewandert ist: Kinder mit hoch gebildeten Eltern sind überproportional stark von der elterlichen Trennung betroffen, während bei Kindern mit Eltern mit geringerem Bildungsniveau kaum Nachteile durch eine Trennung erkennbar sind.

Kinder aus interrethnischen Familien machen etwas häufiger Abitur als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund.

Weitere Analysen zeigen, dass der Nachteil für Kinder mit zwei einheimischen oder zwei zugewanderten Eltern stärker ausgeprägt ist, wenn nur der Vater einen Hochschulabschluss hat. Da die Kinder nach einer Trennung meist bei der Mutter leben, verlieren sie oft zumindest teilweise den Zugang zu den Ressourcen, die der Vater zur Verfügung stellen könnte. Dies zeigt sich auch für Kinder mit einer einheimischen Mutter und einem zugewanderten Vater. Ist nur die Mutter zugewandert, ist das Bild dagegen umgekehrt: In dieser Gruppe haben Kinder, deren Mutter einen Hochschulabschluss hat, die größte Benachteiligung. Offensichtlich spielt hier der Verlust der Ressourcen des einheimischen Vaters, beispielweise ein besseres Verständnis des Bildungssystems oder die Überwindung von Sprachbarrieren, eine große Rolle, so dass das höhere Bildungskapital der Mutter nicht voll zum Tragen kommt.

Die Auswirkungen einer Trennung auf den Bildungserfolg von Kindern hängen also nicht nur vom Bildungsniveau der Eltern ab. Einbezogen werden muss auch die Frage nach dem Migrationshintergrund der Familie. Vor allem Kinder aus interethnischen Familien wurden bislang in der Forschung wenig beachtet. Sie stammen am häufigsten aus bildungsnahen Haushalten, erleben jedoch auch häufiger eine Trennung ihrer Eltern. Und hier zeigt sich, dass sie im Vergleich mit Kindern von zwei einheimischen oder zwei zugewanderten Eltern die größten Nachteile haben, wenn sie den einheimischen Vater oder den hoch gebildeten zugewanderten Vater verlieren – bei ersterem geht das kulturelle und bildungssystemische Wissen, bei letzterem das Bildungskapitel verloren. Forschung wie Politik tun also gut daran, sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, wie die Vielfalt der familiären Migrationskonstellationen Bildungsverläufe prägt.


Autoren

Dr. Alessandro Ferrara ist Postdoktorand an der Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und kann unter folgender Adresse erreicht werden: alessandro.ferrara@wzb.eu.

Prof. Dr. Heike Solga ist Direktorin der Abteilung “Ausbildung und Arbeitsmarkt” am WZB und Professorin an der FU Berlin. Sie kann unter folgender Adresse erreicht werden: heike.solga@wzb.eu.

Dr. Emily Frank ist Postdoktorandin an der WZB und Redakteurin dieser Reihe. Sie kann unter folgender Adresse erreicht werden: ecpd@charite.de.