Policy Insights 7 | 2026

Herausforderungen alternder Gesellschaften

Ulrike Ehrlich, Michaela Kreyenfeld, Nadiya Kelle, Laura Romeu Gordo & Paul Gellert

Die Alterung und die damit einhergehende Pflegebedürftigkeit der Bevölkerung stellt Deutschland vor vielfältige Herausforderungen. Schon heute machen sich viele Menschen bereits im jungen und mittleren Alter Sorgen, im Alter pflegebedürftig zu werden. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich, dass im Fall einer Pflege zu Hause in erster Linie professionelle Pflegekräfte die Pflege übernehmen. Familienmitglieder werden demgegenüber deutlich seltener als diejenigen genannt, die die Pflege in erster Linie übernehmen sollen. Dieser Beitrag präsentiert aktuelle Zahlen zu diesem Thema und geht der Frage nach, wie diese Pflegepräferenzen mit den zu erwartenden zukünftigen Pflegerealitäten zusammenpassen.

Die letzten Jahre waren von einem anhaltenden Krisen- und Unsicherheitsdiskurs geprägt. Neben der Klimakrise standen der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie Wirtschaftskrisen und die damit verbundenen Sorgen um Arbeitsplatzverlust, sinkende Kaufkraft und steigende Mieten im Vordergrund des medialen Interesses. Die demographischen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft scheinen hingegen angesichts der vielfachen ökonomischen Verunsicherungen in den Hintergrund getreten zu sein.

Fragt man Menschen im Alter von 18 Jahren und älter in Deutschland nach ihren Zukunftsängsten, scheint das Thema rund um das Alter(n) jedoch hochaktuell zu sein (siehe Tabelle 1). Eine Unterstichprobe der bevölkerungsrepräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP, siehe Info-Box) aus dem Jahr 2022 zeigen auf, dass die weite Mehrheit der Menschen sorgenvoll auf das Alter blickt. Rund 70 % der Menschen machen sich „große“ oder „einige“ Sorgen pflegebedürftig zu werden (siehe Tabelle 1). Bemerkenswert ist, dass diese Sorgen noch häufiger geäußert werden als finanzielle Zukunftssorgen. Zwar macht sich auch mehr als die Hälfte der Befragten Sorgen um die künftige finanzielle Situation ihres Haushalts, die Sorge vor Pflegebedürftigkeit ist jedoch noch weiter verbreitet.

Tabelle 1: Anteil der Personen, die sich Zukunftssorgen machen nach Lebensbereich, Spaltenprozente.

Anmerkung: Folgende Fragen wurden den Befragten vorgelegt: (1) Wenn Sie an die nächsten drei Jahre denken: Machen Sie sich Sorgen über die finanzielle Situation Ihres Haushalts? (2) Machen Sie sich Sorgen darüber, dass Sie im Alter pflegebedürftig sein werden?
Quelle: SOEP-IS 2022, eigene gewichtete Berechnungen

Frauen sorgen sich häufiger als Männer vor Pflegebedürftigkeit

Betrachtet man die Sorgen vor Pflegebedürftigkeit nach Alter, wäre zu erwarten, dass diese mit zunehmendem Alter ansteigen. Dies ist auch tendenziell der Fall. Erstaunlicher ist jedoch, wie hoch der Anteil der Befragten ist, die sich bereits im jungen und mittleren Erwachsenenalter Sorgen um eine mögliche Pflegebedürftigkeit im Alter machen. Immerhin geben 62 % der Männer im Alter von 18 bis 44 Jahren an, sich einige oder große Sorgen darüber zu machen, im Alter pflegebedürftig zu werden (10 % große Sorgen und 52 % einige Sorgen). Bei den Frauen dieser Altersgruppe sind es sogar 70 % (17 % große Sorgen und 53 % einige Sorgen) (siehe Abbildung 1).

Insgesamt machen sich Frauen häufiger als Männer Sorgen über eine spätere Pflegebedürftigkeit. Die Geschlechterunterschiede sind deutlich und nach konventionellen statistischen Kriterien signifikant. Bei der Interpretation der Unterschiede im höheren Alter ist jedoch zu berücksichtigen, dass Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung in der Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren häufiger zu den Hochaltrigen zählen als Männer. Ein Teil der beobachteten Geschlechterunterschiede dürfte daher auf die unterschiedliche Alterszusammensetzung innerhalb dieser Altersgruppe zurückzuführen sein.

Abbildung 1: Sorgen um Pflegbedürftigkeit im Alter, nach Altersgruppe und Geschlecht, in Prozent.

Anmerkung: Folgende Frage wurde den Befragten vorgelegt: Machen Sie sich Sorgen darüber, dass Sie im Alter pflegebedürftig sein werden?
Quelle: SOEP-IS 2022, eigene gewichtete Berechnungen. Fallzahl Frauen: 885; Fallzahl Männer: 862.

Im Alter wünschen sich die meisten Menschen, vorrangig von professionellen Pflegekräften ambulant zu Hause gepflegt zu werden

Fast sechs Millionen Menschen waren laut Pflegestatistik Ende 2023 im Sinne des SGB XI pflegebedürftig. Davon wurden 86 % zu Hause und 14 % in Pflegeheimen versorgt. Von den rund 4,9 Millionen Personen, die zu Hause gepflegt wurden, erhielten 77 % ausschließlich Unterstützung durch Angehörige oder nahestehende Personen, während 23 % ganz oder teilweise von ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten versorgt wurden. Pflege findet in Deutschland somit überwiegend im häuslichen Umfeld und vor allem durch das familiäre Netzwerk statt[1].

Fragt man die Bevölkerung nach ihren Präferenzen für den Fall zukünftiger Pflegebedürftigkeit im Alter, ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Etwa die Hälfte der Befragten (51 %) wünscht sich in erster Linie Unterstützung durch professionelle Pflegedienste (siehe Tabelle 2). 26 % würden bevorzugt vom Partner bzw. der Partnerin gepflegt werden, lediglich 7 % von eigenen Kindern oder anderen Familienmitgliedern, und 16 % geben an, keine konkreten Vorstellungen zu haben. Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede: Männer äußern häufiger als Frauen den Wunsch, im Pflegefall primär durch den Partner bzw. die Partnerin versorgt werden zu wollen. So geben 32 % der Männer, aber nur 19 % der Frauen diese Präferenz an. Die ausschließliche Pflege durch eigene Kinder oder andere Angehörige stellt hingegen für die große Mehrheit keine bevorzugte Option dar (Tabelle 2).

Tabelle 2: Von wem wollen Personen im Alter gepflegt werden? Spaltenprozente.

Anmerkung: Die Frage lautete: „Sollten Sie im Alter pflegebedürftig sein und ambulant zuhause gepflegt werden, wer sollte in erster Linie Ihre Pflege übernehmen?“ Mehrfachangaben sind nicht möglich. Antwortvorgaben sind: (1) Tochter, Sohn, Schwiegersohn, Schwiegertochter, anderes Familienmitglied; (2)Ambulanter Pflegedienst, der mich zuhause versorgt, professionelle Pflegekraft, die in meinem Haushalt lebt (24h-Betreuung).
Quelle: SOEP-IS 2022, eigene gewichtete Berechnungen.

Fazit: Der Wunsch nach professioneller Pflege und die zu erwartenden Realitäten

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Fall einer Pflegebedürftigkeit im Alter und einer Versorgung zu Hause in erster Linie professionelle Unterstützung wünscht. Demgegenüber spielt die Pflege durch eigene Kinder oder andere Angehörige in den Präferenzen der Befragten nur eine untergeordnete Rolle. Die Vorstellung, dass die Familie die ausschließiche Pflege hauptsächlich übernimmt, findet somit nur begrenzt Rückhalt in der Bevölkerung. Auffällig sind zudem die Geschlechterunterschiede. Frauen wünschen sich häufiger als Männer professionelle Unterstützung und machen sich zugleich größere Sorgen über Pflegebedürftigkeit im Alter. Angesichts ihrer höheren Lebenserwartung und der Tatsache, dass Frauen im hohen Alter häufiger ohne Partner leben, werden sie besonders häufig auf professionelle ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sein. Die Ergebnisse verdeutlichen die Bedeutung einer Geschlechterperspektive für die Weiterentwicklung der Pflegeversorgung.

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, ob das bestehende Pflegesystem langfristig den Präferenzen der Bevölkerung gerecht werden kann. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich im Pflegefall in erster Linie professionelle Unterstützung, während die (ausschließliche) Pflege durch Angehörige nur für eine Minderheit die bevorzugte Lösung darstellt. Gleichzeitig beruhen die Leistungen der Pflegeversicherung weiterhin wesentlich auf der Annahme, dass Angehörige einen erheblichen Teil der häuslichen Pflege übernehmen. Diese Annahme dürfte künftig jedoch zunehmend unter Druck geraten.

Die heute ins Rentenalter eintretenden Kohorten sind häufiger kinderlos, Partnerschaften werden auch im höheren Alter häufiger durch Trennung oder Scheidung beendet, und Familien leben oft räumlich weiter voneinander entfernt. Zugleich werden in den kommenden Jahrzehnten sowohl die Zahl der Pflegebedürftigen als auch der Bedarf an professionellen Pflegekräften weiter steigen, während der Personalmangel im Pflegesektor bereits heute erheblich ist. Die Ergebnisse weisen damit auf eine wachsende Diskrepanz zwischen den Präferenzen der Bevölkerung und den strukturellen Voraussetzungen der Pflegeversorgung hin.

Die Analysen basieren auf einer repräsentativen Unterstichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Im Rahmen der SOEP-IS wurden im Jahr 2022 spezifische Fragen zum Thema Altern und Pflege vom ECPD implementiert, die hier ausgewertet worden sind. Für weitere Details zu den Daten, siehe: DIW Berlin: SOEP-IS 2022 (Daten 1998-2022).

[1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Tabellen/pflegebeduerftige-pflegestufe.html


Über die Autoren

Ulrike Ehrlich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: ulrike.ehrlich@dza.de

Paul Gellert ist Professor für Alternsforschung und stellvertretender Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité sowie Direktor am Einstein Center Population Diversity (ECPD).

Nadiya Kelle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Forschung am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: nadiya.kelle@dza.de

Michaela Kreyenfeld ist Professorin für Soziologie an der Hertie School und Direktorin am Einstein Center Population Diversity (ECPD). Kontakt: Kontakt: kreyenfeld@hertie-school.org

Laura Romeu Gordo ist kommissarische Leiterin des Bereichs Forschung und stellvertretende Institutsleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Kontakt: laura.romeu-gordo@dza.de


Impressum

Publisher: Einstein Center Population Diversity
Editor: Prof. Dr. Paul Gellert
Technical coordination: Daniela Vono de Vilhena
Cover image: © Illustrated by Doro Spiro.
Contact: Einstein Center Population Diversity | c/o Charité – Universitätsmedizin Berlin; Prof. Dr. Paul Gellert; Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft; Charité – Universitätsmedizin Berlin; Charitéplatz 1; D-10117 Berlin, Germany
Email: ecpd@charite.de
Web: einstein-diversity.com
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